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Inhalt
Einleitung | Wer übersetzt? | Was wird übersetzt? | Für wen wird übersetzt? | Über welchen Kanal wird die Übersetzung verbreitet? | Wo wird übersetzt? | Wann wird übersetzt? | Wie wird übersetzt? |Zu welchem Zweck wird übersetzt? | Forschungspotenzial
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Die Bibel ist das meistübersetzte Buch der Geschichte. Gemäß dem Jahresbericht der Wycliffe Global Alliance (2022) hatten 5,9 Milliarden Menschen Zugang zu einer vollständigen Bibel in 724 Sprachen, 797 Millionen konnten zumindest das Neue Testament in 1.617 Sprachen lesen. Im September 2022 waren immerhin Teile der Bibel in 3.589 Sprachen übersetzt, darunter 245 Gebärdensprachen.
Der Weltbund der Bibelgesellschaften (UBS) ist ein interkonfessioneller Verbund von nationalen Bibelgesellschaften, die sich der Verbreitung der Bibel verschrieben haben. In seinem Jahresbericht für 2021 stellte er fest, dass trotz der Pandemie 68 Bibelgesellschaften für ihre Bibelübersetzer intensive Trainingskurse abgehalten haben und 395 Übersetzer und Angestellte der Bibelgesellschaften an Fortbildungsworkshops zu Themen wie Linguistik, Übersetzungstheorie und ‑technologie teilgenommen haben (UBS 2022). Bibelübersetzungen werden mit muttersprachlichen Übersetzern und Beratern der Bibelgesellschaften unter konsequentem Bezug zu den biblischen Originalsprachen und unter maßgeblicher Mitarbeit der lokalen Kirchen angefertigt.
Bibelübersetzungen werden von Kirchen, Verlagen und sonstigen Institutionen in Auftrag gegeben und können von einzelnen Autoren, kleineren Teams oder größeren Kommissionen angefertigt werden (Rösel 2021), Bei vielen Übersetzungen sind jedoch die Übersetzenden nicht namentlich genannt, sodass man von „anonymen“ Übersetzungen sprechen könnte, die den Eindruck größerer Objektivität erwecken. Das berühmteste Beispiel für eine solche Übersetzung ist die sogenannte Septuaginta (von lat. septuaginta, „siebzig“), oft als LXX bezeichnet. Nach der Legende haben um 250 v.Chr. in Alexandria 72 gelehrte Juden die hebräische Bibel jeder für sich in 72 Tagen übersetzt und wunderbarerweise jeweils identische griechische Zieltexte produziert.
Anonyme oder Kommissionsübersetzungen (Deutsch)
Für das Deutsche ist hier die Gute Nachricht Bibel (GNB 1982/1997) als Beispiel zu nennen. In der Information der Deutschen Bibelgesellschaft heißt es zur Entstehungsgeschichte lediglich: Journalisten und Schriftsteller wurden angefragt, um die Texte in die ‚Sprache von heute‘ zu übersetzen. Theologen bleiben beratend im Hintergrund. (Im Vorwort der gedruckten Ausgabe 1997 heißt es, an der Guten Nachricht Bibel hätten zahlreiche evangelische und katholische Theologen aus der BRD und der DDR, ein Redaktionsgremium unter Mitwirkung von 3 Übersetzern (Hellmuth Haug, Rudolf Kassühlke, Joachim Lange), einem Berater des Weltbundes der Bibelgesellschaften (Jan de Waard), Vertretern der Bibelwerke der deutschsprachigen Länder sowie Fachleute der alttestamentlichen Wissenschaft mitgearbeitet, für die Revision 1997 dazu 15 Theologen und sieben Frauengruppen.
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Team-Übersetzungen (Deutsch)
Team-Übersetzungen werden von kleinen Teams aus zwei oder höchstens drei Übersetzern angefertigt. Für das Deutsche ist hier als Beispiel die Übersetzung der hebräischen Bibel durch die jüdischen Übersetzer Martin Buber und Franz Rosenzweig zu nennen (Buber/Rosenzweig 1925) oder in jüngerer Zeit die Übersetzung des Neuen Testaments und der frühchristlichen Schriften von Klaus Berger und Christiane Nord (1999), die einzige Team-Übersetzung, bei der das Team aus einem Theologen und einer Übersetzungswissenschaftlerin bestand.
Autoren-Übersetzungen
Autoren-Übersetzungen werden in der Regel von einzelnen Theologen oder Philologen angefertigt und stehen oft für eine bestimmte theologische Ausrichtung oder Ideologie. Die berühmteste Autorenübersetzung weltweit ist die des Heiligen und Kirchenvaters Sophronius Eusebius Hieronymus (347-420). Ab 385 übersetzte er das Alte Testament zum größten Teil aus der griechischen Septuaginta ins Lateinische; für das Neue Testament überarbeitete er eine frühere lateinische Übersetzung, die sogenannte Vetus latina oder Itala unter Rückgriff auf den griechischen Urtext. Seine Übersetzung wurde unter dem Namen Vulgata für lange Zeit die maßgebliche Übersetzung der Römisch-Katholischen Kirche. In einem Brief an seinen langjährigen Freund Pammachius kommentiert er seine Übersetzungsmethode: Er habe bei der Übersetzung der Heiligen Schrift nicht, wie sonst bei der Übersetzung profaner Texte, sinngemäß (sensum de sensu) übersetzt, sondern wortgetreu (verbum e verbo) und sogar die Wortstellung (ordo verborum) des Urtextes bewahrt, da auch diese eine tiefere religiöse Bedeutung haben könne. Das würde genau genommen auf eine Interlinearversion hinauslaufen, während in Wirklichkeit die Vulgata aber eher eine wörtliche Übersetzung ist, in der die Normen der Zielsprache respektiert werden (Nord 2012a).
Hieronymus gilt als Patron der Übersetzerinnen und Übersetzer, und sein vermuteter Todestag am 30. September wurde 1954 von der Fédération Internationale des Traducteurs (FIT) zum Internationalen Tag des Übersetzens ausgerufen und 2017 von der UNO-Generalversammlung weltweit in Kraft gesetzt.
Für das Deutsche ist Martin Luther (1483-1546) der größte Bibelübersetzer. Seine Übersetzung der gesamten Bibel aus den Ursprachen (erstmals 1534, neueste Revision 2017) ist zwar nicht die erste, aber die bedeutendste Bibelübersetzung in deutscher Sprache, die auch die Entwicklung der deutschen Standardsprache maßgeblich beeinflusst hat. In seinem Sendbrief vom Dolmetschen (1530) erklärt Luther seine Übersetzungsstrategien: Einerseits sagt er, man müsse „dem Volk aufs Maul schauen“ und so übersetzen, wie die Menschen reden, damit sie es auch verstehen; andererseits aber habe er dort, wo es auf das Wort angekommen sei, lieber die deutsche Sprache entsprechend „hingebogen“ als dass er von dem Wort abgewichen sei. Wo er welche Strategie angewendet hat, sagt er allerdings nicht.
Für die Frage „Was wird übersetzt?“ sind zwei Aspekte von Bedeutung: zum einen die Frage nach der Vorlage der Übersetzung und zum anderen die Frage nach dem Kanon der jeweils berücksichtigten Schriften.
Die Vorlage
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Domenico Ghirlandaio, 1480, Hieronymus |
Wenn es zu Übersetzungen heißt, sie seien „nach dem Urtext“ angefertigt, bezieht sich das, im Falle des Alten Testaments, in der Regel auf den sogenannten Masoretischen Text, und im Falle des Neuen Testaments auf den Textus receptus (den „überlieferten Text“), die kritische Textausgabe Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland oder das Greek New Testament.
Der masoretische Text ist der maßgebliche hebräische und aramäische Text des jüdischen Kanons in der exakten Form mit der entsprechenden Vokalisierung und Akzentuierung, die als Mas’sora bezeichnet wird. Das älteste bekannte Exemplar dieses Texts ist der sogenannte Codex Leningradensis aus dem frühen 11. Jahrhundert, der mit einem kritischen Apparat von der Deutschen Bibelgesellschaft unter dem Titel Biblia Hebraica Stuttgartensia herausgegeben wird. Seit 2004 ist eine neue Bearbeitung unter dem Titel Biblia Hebraica Quinta mit einem Vorwort auf Deutsch, Englisch und Spanisch in Vorbereitung, deren kritischer Apparat in englischer Sprache abgefasst ist.
Der Terminus Textus receptus bezeichnet alle Ausgaben der griechischen Neuen Testaments seit 1316, als die von Erasmus von Rotterdam herausgegebene Ausgabe erstmals publiziert wurde. Dieser Text diente als Grundlage für viele, besonders protestantische, Übersetzungen des Neuen Testaments, wie z.B. die von Martin Luther (1534) oder im Englischen die von Tyndale (1536) oder die King James Version (1611), ebenso für die spanische Reina Valera Antigua (1569) und eine Reihe anderer früher NT-Übersetzungen in Mitteleuropa.
Im Jahre 1898 veröffentlichte Eberhard Nestle, protestantischer Theologe, Textkritiker und Orientalist, sein Novum Testamentum Graece, in dessen kritischem Apparat er die Ergebnisse der neutestamentlichen Forschung des 19. Jahrhunderts zusammenfasste. Diese Ausgabe wurde sehr populär und ersetzte bald den Textus receptus als Vorlage für Übersetzungen. Nestles Sohn Erwin führte das Werk seines Vaters fort, ab 1952 mit Kurt Aland als Mitherausgeber, sodass ab der 25. Auflage von 1963 die Ausgabe als Nestle-Aland bezeichnet wurde. Dies ist heute die maßgebliche Ausgabe des griechischen Neuen Testaments (jetzt in 28. Auflage von 2012), neben dem von den UBS herausgegebenen Greek New Testament.
Das Greek New Testament ist ein zuerst von der Amerikanischen Bibelgesellschaft (American Bible Society, ABS) 1966 herausgegebenes Projekt (heute in 5. Auflage von 2014), dessen kritischer Apparat nicht für die Forschung, sondern speziell als Hilfsmittel für die Übersetzung gedacht ist, um Übersetzenden zu erläutern, warum welche Textvarianten bevorzugt wurden.
Der Kanon
Der Terminus „Kanon“ bezeichnet eine Sammlung von Texten, die von einer kirchlichen Gemeinschaft als heilig und als Standard für die Lehre betrachtet werden, und zwar sowohl im Hinblick auf ihre Anordnung als auch im Hinblick auf die normative Textform (Kaut 2019: 336). Die nicht zum Kanon gehörenden Texte werden als außerkanonisch oder apokryph bezeichnet.
Der biblische Kanon besteht aus zwei Teilen, dem Alten Testament (AT) und dem Neuen Testament (NT). Das Alte Testament enthält die 39 Bücher in hebräischer und aramäischer Sprache, die durch das rabbinische Judentum und später, ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. durch die Masoreten festgelegt wurden. Der Kanon des NT besteht aus 27 Büchern in Koiné-Griechisch, der griechischen Umgangssprache in der Antike. Die Kanons der Römisch-Katholischen, der Protestantischen und der Orthodoxen Kirchen unterscheiden sich in einzelnen Detailfragen, vor allem im Hinblick auf die enthaltenen apokryphen Texte.
Bei den Übersetzungen gibt es neben Vollbibeln auch Teilbibeln (nur Altes Testament, nur Neues Testament) und Übersetzungen einzelner Bücher, z.B. der Psalmen.
Perikopentitel
In fast allen modernen übersetzten Ausgaben der Bibel werden die einzelnen Bücher in Kapitel eingeteilt, die ihrerseits durch Zwischenüberschriften in Sinnabschnitte (Perikopen) gegliedert sind, die in der Gottesdienstliturgie als Lesungen dienen. Diese Einteilungen und die dazugehörigen Überschriften gab es in den Grundtexten nicht: sie stammen aus dem frühen Mittelalter, die Verszählungen aus dem 16. Jahrhundert, nach der Erfindung des Buchdrucks, und sollen die Kapitel strukturieren, den Inhalt der Abschnitte angeben und dadurch die Lektüre für Laien erleichtern. Ausweislich der Analyse eines Korpus von ca. 1.000 deutschen Perikopenüberschriften in verschiedenen Bibelausgaben werden sie aber auch dazu benutzt, bestimmte Interpretationen zu suggerieren und die Leserschaft teilweise zu manipulieren (vgl. Nord 2012b).
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Über die Adressaten wird in Vorworten und Informationen über Bibelausgaben im Allgemeinen wenig Konkretes mitgeteilt. Wir finden eher allgemeine Aussagen wie z.B. „Für alle, die heute biblische Texte verstehen wollen; für Menschen, die neue Fragen an alte Texte stellen; für Frauen und Männer, die Gott, die Welt und sich selbst entdecken wollen; LehrerInnen, Frauen, Kirchenferne “ (Bibel in gerechter Sprache, 2006, Prospekt des Gütersloher Verlagshauses), „Alle Menschen, auch die, die der Bibel bisher noch verständnislos gegenüberstehen“ (Hoffnung für alle, 2002) oder „Leser, denen die Sprache der kirchlichen Überlieferung fremd ist und die mit den Texten der Heiligen Schrift noch nicht vertraut sind“ (Gute Nachricht Bibel, 1992).
Anderes gilt für Übersetzungen, die sich an ganz bestimmte, eng abgrenzbare Adressatenkreise richten, wie etwa Kinderbibeln, die allerdings meist eher Nacherzählungen bestimmter biblischer Geschichten als direkte Übersetzungen sind, Studienbibeln oder Interlinearversionen für Studierende mit keinen oder geringen Kenntnissen der Ausgangssprachen (z.B. Münchner Neues Testament, 1988), Bibeln für Jugendliche oder „Digital natives“ und „Millennials“ (z.B. Volxbibel, BasisBibel).
Über welchen Kanal wird die Übersetzung verbreitet?
Die meisten Bibelübersetzungen werden in schriftlicher Form veröffentlicht, und zwar in Büchern oder Heften (bei einzelnen biblischen Texten). Eine Bibel, in der mehr als eine Übersetzung abgedruckt sind, nennt man „Polyglotte“. Die erste polyglotte Übersetzung der vollständigen Bibel ist die sogenannte Complutensische Polyglotte (Políglota Complutense, 1502-1517 in Alcalá de Henares entstanden), in der das Alte Testament auf Hebräisch, Latein und Griechisch präsentiert wird, bei den Fünf Büchern Mose (Pentateuch) kommen sogar noch eine aramäische Fassung und deren lateinische Übersetzung hinzu, sodass insgesamt fünf Versionen auf einer Seite zu lesen sind, dazu am Rand die Wortstämme der hebräischen und aramäischen Wörter. Viele dieser Buchübersetzungen sind heute jedoch, wenn das Copyright es zulässt, auf Internetportalen wie beispielsweise BibleGateway, Biblehub, Academic-Bible verfügbar Diese haben den Vorteil, dass man verschiedene Übersetzungen in mehreren Sprachen parallel lesen und vergleichen kann.
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Es gibt aber auch immer mehr Übersetzungen, die von vornherein in digitaler Form konzipiert sind und den anvisierten Adressatenkreis als „Probeleser“ mit einbeziehen, wie z.B. die BasisBibel der Deutschen Bibelgesellschaft, bei der Links zu bestimmten Sach- oder Sprachinformationen führen, und das Projekt Offene Bibel, das zum Mitmachen einlädt und drei verschiedene Übersetzungen enthalten soll: eine Studienfassung, eine Lesefassung und eine Fassung in Leichter Sprache (nur auf Deutsch). Das Projekt ist auf Instagram, Facebook und Twitter präsent.
In mehrsprachigen Gottesdiensten (z.B. in Südafrika) oder Veranstaltungen, die im Fernsehen übertragen werden (z.B. Trauerfeier für einen verstorbenen Papst) kann es auch Verdolmetschungen von Bibeltexten geben, allerdings werden hier vor allem existierende Bibelübersetzungen zitiert und nur gelegentlich spontan biblische Texte übersetzt.
Eine mündliche Bibelübersetzung oder Nacherzählung der biblischen Geschichten, zur leichteren Verständlichkeit in chronologischer Reihenfolge, oft unter Verwendung von Bildern oder Videos, ist das sogenannte Chronological Bible Storying (CBS), durch das Gruppen oder Gemeinschaften ohne literarische Tradition die biblische Botschaft nahegebracht werden soll.
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Wo Übersetzungen angefertigt werden, hängt vom Typ der Übersetzung und von den Zielsprachen ab. Autoren-Übersetzungen finden vermutlich hauptsächlich in häuslichen Arbeitszimmern statt, wie schon das Bild von Hieronymus „im Gehäus“ (A. Dürer) belegt, während Kommissionsübersetzungen in Diskussionsveranstaltungen entstehen, in denen die Beiträge einzelner Übersetzer bearbeitet werden. Interessanter sind die Übersetzungen in regionale oder Minderheitensprachen, die meistens vor Ort und unter Zusammenarbeit von muttersprachlichen Übersetzern mit Experten der Ausgangssprachen und der theologischen Grundlagen angefertigt werden. Dort werden die Übersetzungen in verschiedenen Stadien den zukünftigen Adressaten zur Probe vorgetragen, sodass deren Feedback in die weitere Übersetzungsarbeit einfließen kann.
Bereits im Neuen Testament finden wir Beispiele für Übersetzungen transkribierter Ausdrücke aus dem Hebräischen und Aramäischen ins Griechische, besonders wenn es um wirkmächtige Worte Jesu geht. Dazu kommt der sogenannte Missionsbefehl (z.B. in Mt 28,19-20, siehe unter „Zu welchem Zweck wird übersetzt?“), durch den die Übersetzungen der Bibel geradezu zwingend werden. Nach einem Beispiel für eine Übersetzung im Neuen Testament geben wir einen kurzen Überblick über die Geschichte der Bibelübersetzung.
Übersetzung im Neuen Testament
Ein Beispiel für die Übersetzung eines Ausdrucks aus dem Aramäischen ins Griechische findet sich im Markus-Evangelium, Kap. 5, Vers 41, in der Geschichte von dem toten Mädchen, das von Jesus auferweckt wird. In der Übersetzung Martin Luthers (1545) lesen wir:
41 …und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihr: Talitha kumi! das ist verdolmetscht: Mägdlein, ich sage dir stehe auf!
In seinem Brief an Pammachius über die beste Art zu übersetzen kommentiert Hieronymus (395: 4) diese Stelle folgendermaßen: Wir lesen bei Markus, dass der Herr sagte: Talatacumi, und sofort wurde ihm eingegeben, dass er übersetzt: Mädchen, ich sage dir, stehe auf! Nun könnte man den Evangelisten der Lüge zeihen, weil er hinzufügte Ich sage dir, während im Hebräischen nur steht: Mädchen, stehe auf! Um es aber emphatischer zu gestalten und den Sinn des Rufens und Befehlens auszudrücken, fügte er hinzu ich sage dir.
Interessant ist, dass in einer sehr frühen Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Syrische, die älter ist als die Vetus Latina, überhaupt keine Übersetzung geboten wird, weil der Übersetzer offenbar erwarten konnte, dass seine Adressaten das Hebräische auch so verstanden.
Frühe Bibelübersetzungen
Die erste schriftlich fixierte Übersetzung des gesamten Alten Testaments ins Griechische war die Septuaginta (LXX, siehe oben, Abschnitt „Wer übersetzt?“), die um 250 v.Chr. in Alexandria entstand. Um 200 n.Chr. wird, vermutlich in Rom, der Kanon des Neuen Testaments zusammengestellt, und die vorhandenen lateinischen Übersetzungen werden zur Vetus Latina oder Itala zusammengefasst. 240-245 stellt Origenes sechs verschiedene Fassungen der hebräischen Bibel nebeneinander (Hexapla): den hebräischen Urtext, denselben Text in griechischer Transkription und vier griechische Übersetzungen. Zwischen 390 und 406 revidiert Hieronymus im Auftrag von Papst Damasus die Vetus Latina und übersetzt das Alte Testament aus dem Hebräischen und Aramäischen ins Lateinische. So entstand die Vulgata, die 1546 auf dem Konzil von Trient zum verbindlichen Text für die Römisch-Katholische Kirche erklärt wurde. Ab dem 11. Jahrhundert wurden zahlreiche Schriften und schließlich die ganze Bibel ins Deutsche und in andere Sprachen übersetzt (Salevsky 2002: 281-82). Gegen Ende des Mittelalters hab es bereits Übersetzungen der gesamten Bibel oder von Teilen der Bibel in die romanischen und germanischen Volkssprachen.
Bibelübersetzung heute
Am 29.11.1965 beauftragte Papst Paul VI. eine Päpstliche Kommission damit, eine neue lateinische Übersetzung aus den Ursprachen anzufertigen. Die Nova Vulgata wurde 1979 von Papst Johannes Paul II. veröffentlicht.
Heute kann man aus einer Vielzahl verschiedener Übersetzungen für unterschiedliche Adressaten und Zwecke wählen, und es kommen ständig neue hinzu, nicht nur für zusätzliche Sprachen, sondern auch innerhalb der größeren Sprachräume, einschließlich Bibeln in Dialekten und Regionalsprachen. Für das Deutsche zählt Ochs (2022) mit Stand November 2022 insgesamt 75 Bibeln, davon 25 Vollbibeln (ohne Revisionen), 6 nur mit AT, 16 nur mit NT, der Rest sind Ausgaben mit einzelnen Teilen des Alten oder des Neuen Testaments.
Im Gegensatz zum Koran, der als Wort Gottes nur in arabischer Sprache Gültigkeit besitzt, verlangt das jüdisch-christliche Verständnis vom „Wort Gottes“, dass die biblischen Texte zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Kulturen immer wieder neu dargeboten werden (Joosten 2009). Dabei sind drei Formen möglich: Zum einen wird die Übersetzung als Substitut für das Original verstanden, sodass z.B. die in Alexandria hergestellte griechische Fassung der hebräischen Bibel, die später als Quelle für die Septuaginta diente, für die dortigen Diaspora-Juden, die kein Hebräisch konnten, zur Heiligen Schrift wurde und damit der Gemeinschaft einerseits zu einer eigenen Identität verhalf und andererseits die Verbindung zu den hebräischen Wurzeln sicherte. Die entschieden wörtliche Übersetzung wurde in der Synagoge laut vorgelesen und stellte dadurch eine Verbindung zum biblischen Hebräisch her. Daher wurde die griechische Bibel, wie Rajak (2009: 11) es ausdrückt, zu einem „cultural reference point, a source of unity, and a preserver of tradition” (Rajak 2009: 11).
Ganz ähnlich wirkt das Konzept, die Übersetzung nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des Urtexts zu verstehen. Die jüdischen Targumim wurden beispielsweise nie isoliert gelesen, sondern in Schule und Synagoge gemeinsam mit dem hebräischen Text rezitiert. Dadurch konnten die Übersetzungen sehr frei sein, weil ja der unveränderte Originaltext immer erhalten blieb. Als drittes Modell kann die „gelehrte“ Übersetzung mit Anmerkungen betrachtet werden, die vor allem nach der Reformation an Bedeutung gewann. Solche Übersetzungen werden als eigenständige Texte gelesen, verweisen aber ständig auf den Originaltext. Alle drei Konzeptionen werden bis heute angewendet (Joosten 2009: 620).
Formale vs. dynamische Äquivalenz (Nida)
Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben sich Bibelübersetzer bis weit ins 20. Jh. am Prinzip der Wörtlichkeit orientiert, um die Interpretation des Ausgangstexts den Rezipienten des Zieltexts zu überlassen (Vermeer 1992). Die Wende zur Zieltextorientierung wurde mit der von Eugene A. Nida (1914-2011) vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen formaler und dynamischer Äquivalenz eingeleitet. Formal-äquivalent ist eine Übersetzung, bei der die lexikalischen und oft auch syntaktischen Formelemente in Ausgangs- und Zieltext invariant gehalten werden. Im Gegensatz dazu steht die dynamisch-äquivalente Übersetzung, die versucht, die kommunikative Wirkung des Ausgangstexts für die zielkulturelle Leserschaft erfahrbar zu machen:
A translation of dynamic equivalence aims at complete naturalness of expression, and tries to relate the receptor to modes of behavior relevant within the context of his own culture; it does not insist that he understand the cultural patterns of the source-language context in order to comprehend the message. (Nida 1964: 159)
Zu diesem Zweck wird der Zieltext im Einklang mit zielsprachlichen Konventionen formuliert und das Vorwissen und die kulturelle Prägung der Adressaten berücksichtigt.
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Für Nida, der für missionarische Zwecke übersetzt, ist „dynamische Äquivalenz“ das eigentliche Ziel des Übersetzens. Später nennt er diese Form der Übersetzung auch functional equivalence (Nida und Taber 1969). Zahlreiche moderne Bibelübersetzungen, vor allem die vom Weltbund der Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) herausgegebenen, haben sich an diesem Übersetzungsprinzip orientiert, das auch radikale kulturelle Adaptationen implizieren kann (z.B. die Übersetzung von Lamm Gottes mit „Robbe Gottes“ für die Inuit).
Die deutsche Gute Nachricht Bibel, die sich an der von UBS herausgegebenen englischen Good News Bible orientiert, beruht auf dem Prinzip der dynamischen Äquivalenz.
Funktionale Übersetzung
Nidas Ansatz, der angesichts einer globalisierten Welt auch von UBS-Übersetzern nicht mehr durchgehend praktiziert wird, wurde durch die Skopostheorie (Vermeer 1978) und den daraus abgeleiteten Funktionalismus in der Übersetzungswissenschaft fortgeführt und erweitert. Aus funktionalistischer Sicht wird das auch als „historisches Dilemma“ bezeichnete Entweder-Oder zwischen wörtlicher und freier Übersetzung, formaler und dynamischer Äquivalenz etc. überwunden, weil von der Interlinearversion über die wörtliche, philologische oder exotisierende dokumentarische bis zur funktionskonstanten, funktionsvarianten oder sogar korrespondierenden instrumentellen Übersetzung alle Formen legitim sind, die durch das Übersetzungsziel und den Adressatenkreis des Zieltexts begründbar sind und die Loyalitätspflicht gegenüber den Handlungspartnern der Übersetzenden nicht verletzen (vgl. Nord 2002 zu Funktionsgerechtigkeit und Loyalität in der Bibelübersetzung).
In diesem Zusammenhang müssen einige Übersetzungen erwähnt werden, in denen ganz spezifische Strategien zur Anwendung kommen. Bereits Ende des 19. Jh. verfasste die amerikanische ‚Feministin Elizabeth Cady Stanton zusammen mit 26 theologischen Mitstreiterinnen die Women’s Bible (1895), in der die Texte aus feministischer Perspektive revidiert werden. Dieselbe Strategie verfolgten viele Jahre später die französischen Feministinnen Lauriane Savoy, Pierrette Daviau und Elisabeth Parmentier mit ihrer Bible des femmes (2018). In Deutschland gingen die 70 Übersetzer und Übersetzerinnen der Bibel in gerechter Sprache (2006) noch einen Schritt weiter, indem sie versuchten, jegliche Diskriminierung von Frauen, Juden oder anderen gesellschaftlichen Gruppen zu vermeiden. So ist nun nicht mehr von „den Pharisäern“, sondern von „Pharisäerinnen und Pharisäern“ oder sogar von „Apostolinnen“ die Rede. Obwohl das Projekt von einer Landeskirche unterstützt und finanziert worden war, verursachte die Veröffentlichung doch Stürme der Entrüstung und Kritik.
Zu welchem Zweck wird übersetzt?
Neben dem bereits erwähnten Ziel, als „Ersatz“ für einen verschollenen oder nicht mehr verständlichen Urtext zu dienen, sind die Hauptziele der Bibelübersetzung Mission, Studium und Forschung, Predigt und Lehre sowie die Pflege und Erhaltung bedrohter Sprachen, die unter anderem Thema der Missionarslinguistik ist.
Mission
Die jüdisch-christliche Religion ist eine Missionsreligion. Der erste Zweck der Bibelübersetzung wird bereits im sogenannten „Missionsbefehl“ im Neuen Testament genannt, wo Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Darum gehet hin und lehret alle Völker […] und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,19-20; ähnlich Lk 24, 47; Mk 16, 14-18; Joh 20,21; Apg 1,4-8 nach Luther 1912). Auch im Alten Testament (1 Mose 12,3) gibt es bereits eine Stelle, die als Aufforderung zur Mission gedeutet wird. Gott sagt zu Abraham:
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (Luther 1545).
Diese Aufforderung kann ebenfalls nur mit Hilfe von funktionskonstanter Übersetzung oder Verdolmetschung befolgt werden. Auch Nidas „dynamische Äquivalenz“ war hiervon inspiriert. Heute wird die Mission, die mit Kolonisierung und Gewalt verbunden wird, eher kritisch gesehen, wenn auch Organisationen wie der Weltbund der Bibelgesellschaften, Wycliffe Global Alliance oder SIL (früher: Summer-Institute of Linguistics) mit ihren Übersetzungsaktivitäten durchaus noch missionarische Ziele verfolgen.
In neu entstehenden Kirchengemeinden meist überwiegend mündlicher Kulturen sind Bibelübersetzungen oft die ersten schriftlichen Texte in den lokalen Sprachen und begründen auf diese Weise eine neue Gattung, wie De Vries (2001: 306) zur ersten Bibelübersetzung in Neuguinea feststellt.
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Screenshot: Paratext tutorial |
Studium und Forschung
Für Studium und Forschung in der Bibelwissenschaft werden vor allem die wörtlichen oder sogar interlinearen Übersetzungen genutzt, vor allem, wenn sie mit Anmerkungen angereichert sind, die über Textvarianten und verwandte Stellen Auskunft geben. Für die Bibelübersetzung gibt es eine Software namens Paratext, die es ermöglicht, mehrere verschiedene Bibeltexte parallel zueinander auf einem einzigen Bildschirm darzustellen, auch in Sprachen mit nicht-lateinischem Alphabet wie Griechisch, Arabisch oder Hebräisch. Darüber hinaus kann man über Paratext auf digitale Wörterbücher, Konkordanzen und enzyklopädische Informationen zugreifen. Das Programm wird vom Weltbund der Bibelgesellschaften betreut und regelmäßig aktualisiert.
Predigt und Lehre
Pastoren und Religionslehrkräfte sind oft nicht (mehr) in der Lage, die biblischen Texte in den Originalsprachen zu lesen, auch wenn sie im Studium Hebräisch, Griechisch und Lateinisch lernen mussten. Sie benötigen Übersetzungen, um einerseits die Texte verstehen und interpretieren zu können und sie andererseits in der Predigt oder im Unterricht zu zitieren. Für den ersten Zweck sind wörtliche Übersetzungen nützlich, für den zweiten Zweck braucht man adressatenorientierte und vor allem vorlesbare Texte. Für die Katechese können Kinderbibeln oder Übersetzungen in leichter Sprache angebracht sein. Auch dies zeigt deutlich, dass die Bibelübersetzung ein hervorragendes Beispiel für einen funktionalen Übersetzungsansatz ist.
Missionarslinguistik
Missionarslinguistik ist ein relativ junger Zweig der Angewandten Linguistik (vgl. z.B. Zwartjes & Zimmermann 2014), der die linguistischen und übersetzerischen Tätigkeiten christlicher Missionare in Kolonialzeiten untersucht. Seit dem 16. Jahrhundert waren katholische Orden (Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten etc.) auf allen Kontinenten unterwegs, um die christliche Religion zu verbreiten. Weil sie sich mit den indigenen Völkern verständigen wollten, mussten sie zuerst deren Sprache lernen. Dabei wurden diese Sprachen erstmals verschriftlicht, Grammatiken und Wörterbücher hergestellt und Katechismen, Gebetbücher, Predigten und auch biblische Texte übersetzt. Abgesehen von der Problematik von Kolonialisierung und christlicher Mission, auf die hier nicht eingegangen werden soll, erhalten besonders in postkolonialen Situationen indigene Minderheitensprachen, die von den Kolonialsprachen und deren höherem gesellschaftlichen Prestige in ihrem Überleben bedroht sind, dadurch neue Kraft, dass die Menschen ein so wichtiges Werk wie die Bibel oder zumindest Teile davon in ihrer Muttersprache gedruckt sehen.
Die sogenannte Interdisziplinarität der Translationswissenschaft sollte sich nicht darauf beschränken, dass die Translationswissenschaft sich die Erkenntnisse anderer Disziplinen, wie etwa der Theologie, zunutze macht, sondern auch ihrerseits in diese Disziplinen hinein wirken. Die Bibelübersetzung ist immer noch hauptsächlich das Feld der Theologen, die oft die Translationswissenschaft als Disziplin nicht oder kaum zur Kenntnis nehmen (vgl. Nord 2012c: 252). Forschungspotenzial ist daher in allen hier als Gliederungspunkte genannten Fragen zu finden, die vor allem mit empirischen und deskriptiven Methoden untersucht werden können (und müssen):
- WER fertigt Bibelübersetzungen an, welchen fachlichen Hintergrund und welche Ausbildung haben die Übersetzer bestimmter Bibelübersetzungen und wie wirkt sich das auf ihre Übersetzungstätigkeit aus?
- WAS wird übersetzt und wer bestimmt, was übersetzt wird (und was nicht)?
- WANN und WO wird übersetzt und welche Rolle spielen dabei Organisationen wie Wycliffe, SIL, UBS etc.?
- Welchen Einfluss hat die Wahl des MEDIUMS (Buchdruck, digitale Medien, Mündlichkeit) auf die Übersetzung und Gestaltung von Bibeltexten?
- WIE wird übersetzt und wie manifestieren sich programmatische Methodenentscheidungen in den übersetzten Texten?
- ZU WELCHEM ZWECK werden HEUTE Bibelübersetzungen angefertigt und wie schlägt sich die Zweckbestimmung in den Texten nieder?
Angesichts der Vielzahl vorhandener und heute digital leicht zugänglicher Übersetzungen der Bibel und einzelner biblischer Bücher bieten diese Fragen ein schier unerschöpfliches Reservoir an Forschungsthemen, die in diesem Eintrag lediglich angerissen werden konnten.







