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Inhalte
Einleitung | Der Hintergrund: Übersetzungsausbildung in Deutschland in den 1950er und 1970er Jahren | Eine neue Perspektive: die funktionalistische Wende | Grundprinzipien des Funktionalismus | Der Funktionalismus in der Translationsdidaktik | Neuere Entwicklungen | Forschungspotenzial

 

Introducción  Einleitung

Der Funktionalismus umfasst die verschiedenen Anwendungen der Skopostheorie, die der deutsche Übersetzer, Dolmetscher und Übersetzungswissenschaftler Hans J. Vermeer 1977 zum ersten Mal in einer Vorlesung an der Fakultät für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz, Campus Germersheim, vorgestellt und ein Jahr später veröffentlicht hat (Vermeer 1978).

Bald danach begannen Vermeers Kollegen und Kolleginnen und seine Schülerinnen und Schüler, die Theorie auf ihre Untersuchung des Phänomens Übersetzung und vor allem auf ihre Lehre an den universitären Ausbildungsstätten für Übersetzen und Dolmetschen in der Bundesrepublik Deutschland anzuwenden. Nach einer zehnjährigen „Inkubationszeit“, in der fast alle Publikationen zu dieser Theorie auf Deutsch verfasst waren (mit Vermeer 1989 als einziger Ausnahme auf Englisch), verbreitete sich die Kunde von der neuen Theorie in der Welt und setzte eine Lawine von Publikationen in Gang, die sich heute nicht nur auf die Übersetzungsdidaktik, sondern auch auf so unterschiedliche Teilgebiete wie die literarische, die juristische und sogar die Übersetzung biblischer Texte erstreckt (vgl. Nord [1997] 2018: 172-181).

Da es für die Skopostheorie einen eigenen Eintrag in dieser Enzyklopädie gibt, gehen wir hier nur ganz kurz auf die Grundprinzipien ein, die den Rahmen für den Funktionalismus bilden. Jede Forscherin, jeder Forscher steht jedoch auf den Schultern ihrer Vorgänger, und daher kann man den Funktionalismus nur verstehen, wenn man die Beiträge und Einflüsse der Vertreterinnen und Vertreter der Skopostheorie einbezieht, darunter neben Hans J. Vermeer vor allem Katharina Reiß, Heinz Göhring und Justa Holz-Mänttäri. Daher fügen wir dem, was in dem Eintrag zur Skopostheorie steht, ein paar persönlichere Informationen über die Protagonisten des Funktionalismus hinzu, damit man das Warum und Wozu dieser Ausrichtung besser versteht.

Um zu erkennen, dass der Funktionalismus geradezu einen Paradigmenwechsel in der Übersetzungswissenschaft hervorrief, muss man außerdem die Situation in den Blick nehmen, in der er entstanden ist: die Ausbildung professioneller Translatoren und Translatorinnen in Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren. Die Darstellung dieser Situation stützt sich auf die persönliche Erfahrung der Verfasserin dieses Eintrags, die in den 1960er Jahren in der Übersetzerausbildung der Universität Heidelberg studiert und dort auch ihren ersten Übersetzungsunterricht abgehalten hat. Sie konnte die Entwicklung der Translationswissenschaft dort gewissermaßen „am eigenen Leibe“ erfahren. 

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[título del epígrafe] Der Hintergrund: Übersetzungsausbildung in Deutschland in den 1950er und 1970er Jahren

In Deutschland hat die universitäre Übersetzungsausbildung eine relativ lange Tradition. Sie beginnt 1932, als das 1929 gegründete „Institut für sprach- und wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung von Dolmetschern“ als selbstständige Abteilung des fremdsprachlichen Seminars der Handelshochschule Mannheim angegliedert wurde. Ein Jahr später wurde es an die Universität Heidelberg verlegt, und zwar zuerst an die Wirtschaftsfakultät und dann an die Philosophische Fakultät. Heutzutage ist es unter dem Namen Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IÜD) Teil der Neuphilologischen Fakultät.

Edificio principal del Institut für Übersetzen und Dolmetschen, en Heidelberg
Institut für Übersetzen und Dolmetschen, Heidelberg.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland in zwei Teile geteilt: die Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten. Der sogenannte „Eiserne Vorhang“, der die beiden Teile trennte, ließ nur wenig Kommunikation in Bezug auf wissenschaftliche Forschung und Publikationen zu. In beiden Teilen gab es Ausbildungsstätten für Übersetzen und Dolmetschen, anfangs auf dem Niveau von polytechnischen Schulen, an denen eine praktische, am Arbeitsmarkt ausgerichtete Ausbildung angeboten wurde, später dann auf universitärem Niveau, wo die praktische Ausbildung mit theoretischer und methodologischer Forschung Hand in Hand ging. In der DDR nahmen 1962 die Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) und die Karl-Marx-Universität in Leipzig (KML) ihren durch den Kreg unterbrochenen Betrieb wieder auf. Die Leipziger Universität wurde durch die sprachwissenschaftliche Theorie mit kommunikativem Ansatz berühmt, deren bekanntester Vertreter Professor Otto Kade war (vgl. García Bernardo 2010: 49-83 über die sogenannte Leipziger Schule). Die HUB war vor allem für die Ausbildung im Dolmetschen zuständig.

In der BRD gab es drei Universitäten, die in den 1950er Jahren ein gemeinsames Ausbildungsprogramm entwickelt hatten: die Universität Heidelberg mit dem bereits erwähnten IÜD, die Universität Mainz, deren Fakultät für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK) im nahegelegenen Germersheim angesiedelt war, und die Universität Saarbrücken mit einer Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen (die beiden letzteren ab 1948). Offizielle Kontakte mit den DDR-Universitäten gab es nicht.

Als ich in den 1960er Jahren am Heidelberger IÜD studierte, bestand die Ausbildung vor allem aus der Erweiterung der Sprachkompetenz in zwei Fremdsprachen (man konnte zwischen Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch wählen), ein bisschen Kontrastiver Linguistik zwischen den Fremdsprachen und Deutsch als Grundsprache, zahlreichen praktischen Übersetzungsübungen aus der und in die Fremdsprache von gemeinsprachlichen Texten und Fachtexten (fast ausschließlich Recht und Wirtschaft), und ein paar Kursen in Verhandlungsdolmetschen und Spontanübersetzen. Außerdem gab es Unterricht in Landeskunde, in dem die geografischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten der Sprachräume der gewählten Fremdsprachen behandelt wurden.

In allen Kursen standen die sprachlichen Aspekte im Vordergrund. In der BRD gab es noch keine Übersetzungswissen­schaft, und da Kontakte zu den Institutionen der DDR fehlten, Daher erfuhr man nichts von dem, was sich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs tat (abgesehen von persönlichen Kontakten einiger Lehrenden). Unsere Literaturlisten enthielten im Wesentlichen anekdotische Berichte von professionellen Dolmetschern oder Übersetzern über ihre Erfahrungen vor allem bei der Übersetzung von Literatur, sowie natürlich die „klassischen“ Werke von Schleiermacher ([1813]1938) oder Walter Benjamin ([1923]1972). Die Kontrastive Linguistik wurde vor allem von Vinay & Darbelnet (1958) repräsentiert, um nur einige der heute noch bekannten Autoren zu nennen

Das war typisch für die Situation der Übersetzungs- und Dolmetschausbildung in Westdeutschland in den 1960er Jahren. In all diesen Jahren konzentrierte sich die Ausbildung auf den Sprachunterricht und die Übersetzungspraxis nach dem Motto „Learning by doing“. Über Versuche einer wissenschaftlichen Ausarbeitung einer Übersetzungstheorie ist nichts bekannt. Erst in meinem letzten Semester (Wintersemester 1966/67) streifte uns ein Hauch von dem, was einmal die Translationswissenschaft werden sollte. In einem Seminar von Katharina Reiß zur Übersetzungskritik mussten die Studierenden eine begründete Kritik eines übersetzten literarischen Textes anfertigen. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung, die mir die Augen für eine neue Welt öffnete. 

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[título del epígrafe] Eine neue Perspektive: die funktionalistische Wende

Reiss Buch K Reiss
Katharina Reiß und ihr grundlegendes Buch (1971)

Die Anfänge

Ironischerweise waren die ersten Experimente zur künstlichen Intelligenz und zur Maschinenübersetzung Anfang der 1960er Jahre, durch welche die menschliche Übersetzung überflüssig gemacht werden sollte, der Auslöser für ein größeres Interesse an der Erforschung des Phänomens Übersetzung. So kam es zur Geburt einer Disziplin, die man damals Übersetzungswissenschaft nannte und die sich, wie es im damaligen Kontext nahelag, mit dem Vergleich der Sprachsysteme beschäftigte (vgl. Catford 1965). Es ging darum, anhand von „Minimalpaaren“ (minimal pairs) „Äquivalenzen“ zwischen den Sprachen, vor allem in der Lexik, zu finden. Viele Jahre lang (und bei manchen Autoren bis heute) war die Äquivalenz zum zentralen Begriff in der Beschäftigung mit der Übersetzung. In meiner Studienzeit suchte man beim Übersetzen hauptsächlich die Äquivalenzen.  

Ende der 1960er Jahre kam dann jedoch die Text- oder Diskurslinguistik auf und eröffnete eine weitere Perspektive. Katharina Reiß brachte uns die Prinzipien ihrer Texttypologie bei, die auf einem funktionalen Kommunikationsbegriff beruhte. Meines Erachtens markiert ihr Buch zur Übersetzungskritik (Reiß 1971, auf Englisch 2000, auf Französisch 2002) den Beginn des Funktionalismus in Westdeutschland, obwohl die Autorin selbst stets die Äquivalenz als „Normalfall“ des Verhältnisses zwischen Ausgangs- und Zieltext betrachtet hat. Bevor wir jedoch die Einzelheiten ihres Ansatzes betrachten, sollen zunächst kurz die wichtigsten Persönlichkeiten vorgestellt werden, die den Funktionalismus in der Translation prägten. Hervorzuheben ist, dass sie alle eine praktische Ausbildung als Übersetzer bzw. Dolmetscher genossen haben, was in der damaligen Zeit in der linguistischen Übersetzungswissenschaft durchaus nicht üblich war, weil in vielen Disziplinen das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis eher schwierig war.

Katharina Reiss 

(1923-2018) wurde zwischen 1941 und 1944 als Übersetzerin für Deutsch, Englisch und Spanisch am IÜD der Universität Heidelberg ausgebildet und lehrte dann spanische Sprache und spanisch-deutsche Übersetzung am selben Institut. Gleichzeitig studierte sie am Romanischen Seminar Romanistik und wurde 1954 mit einer Arbeit zu Leoploldo Alas, alias „Clarín“, promoviert. Ihre Lehrtätigkeit am IÜD führte sie bis 1970 fort. Sie zog dann nach München und gab Übersetzungsunterricht für Hispanisten an der Universität Würzburg. Im Jahre 1974 erlangte sie die Habilitation an der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK) der Universität Mainz, was ihr die Möglichkeit gab, bis zu ihrer Pensionierung 1988 in Germersheim Übersetzung und Übersetzungswissenschaft zu unterrichten. Neben ihrer Lehrtätigkeit übersetzte Reiß verschiedene Bücher aus dem Spanischen ins Deutsche, darunter Pío Barojas Inquietudes de Shanti Andía, auf Deutsch Shanti Andía, der Ruhelose.

Mit ihren über 90 Publikationen zu verschiedenen Aspekten der Übersetzung und Konferenzbeiträgen und Vorträgen in mehr als 20 Ländern kann man Katharina Reiß als Pionierin der deutschsprachigen Übersetzungswissenschaft betrachten. Ihr erstes Buch, Möglichkeiten und Grenzen der Übersetzungskritik. Kategorien und Kriterien für eine sachgerechte Beurteilung von Übersetzungen, war die erste wissenschaftliche Veröffentlichung über die Übersetzung in Westdeutschland. Über dieses Buch wird später noch im Einzelnen zu reden sein.

Hans Josef Vermeer y su obra fundacional (1984, publicada junto a K. Reiss)
Hans Josef Vermeer  und sein zusammen mit K. Reiß publiziertes Werk

Hans J. Vermeer (1930-2010) wurde in den 1950er Jahren ebenfalls am IÜD ausgebildet (von Katharina Reiß, unter anderen), und zwar mit Deutsch, Englisch und Spanisch als Arbeitssprachen. Außerdem studierte er Portugiesisch in Lissabon. Zwischen 1954 und 1962 unterrichtete er spanische Sprache und Übersetzung an der Universität Heidelberg. 1962 wurde er mit einer Arbeit über die Farbbezeichnungen in den indoeuropäischen Sprachen in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Danach war er Dozent für Urdu und Hindi am Südasien-Institut der Universität Heidelberg, wo er mit einer Arbeit über südasiatische Sprachen habilitiert wurde. Er war Assistent am Institut für Allgemeine.

Sprachwissenschaft. der Universität Heidelberg, bis er 1970 auf den Lehrstuhl für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft am FASK in Germersheim berufen wurde. Im Jahre 1984 wurde er Professor für Allgemeine Translationswissenschaft und Leiter der portugiesischen Abteilung des IÜD der Universität Heidelberg. Er ging 1992 in den Ruhestand, übte aber weiterhin Lehrtätigkeiten als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Österreich und in der Türkei aus. Von 2008 bis 2010 lehrte er wieder in Germersheim, wo ihm – gewissermaßen auf dem Totenbett – der Ehrendoktor verliehen wurde (vgl. Kelletat 2011).

In seinen mehr als 200 Publikationen, darunter eine Geschichte der Translation in sieben Bänden über Mittelalter, Renaissance und Humanismus, beschäftigte sich Vermeer mit einer großen Vielfalt linguistischer und translationswissenschaftlicher Themen, Berühmtheit in diesem Fach erlangte er jedoch für seine Skopostheorie

Heinz Göhring y una recopilación de sus ensayos (2002)
Heinz Göhring und die Zusammenstellung seiner wichtigsten Schriften (2002)

Heinz Göhring (1935-2000) erlangte 1959 das Diplom als Konferenzdolmetscher für Deutsch, Englisch und Spanisch, ebenfalls am IÜD, studierte aber gleichzeitig Ethnologie, Soziologie, Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der Universität Heidelberg, wo er 1966 mit einer ethnologischen Studie über das Volk der Luba (oder  baLuba) in Zentralafrika promoviert wurde. Fast sein ganzes Leben lang nahm er Aufträge als Dolmetscher wahr: er begleitete zum Beispiel den Bundespräsidenten auf einer Reise durch Lateinamerika oder arbeitete als Konferenzdolmetscher beim Club of Rome oder bei der Welternährungsorganisation FAO.

Zwischen 1968 und 1970 lebte Göhring in Spanien, wo er ethnologische Feldstudien für sein Habilitationsprojekt durchführte. Diese Erfahrung bestimmte seine Art, über Kultur nachzudenken. Er kam zu dem Schluss, dass die ethnologische Methodik, die sich auf teilnehmende Beobachtung stützte, auch für die noch junge Disziplin der Interkulturellen Kommunikation von Nutzen sein kann. In seinen eigenen Worten:

Jede Kultur lehrt mich […], daß auch ich hätte so leben können. […] ‚So leben‘, das heißt: sehen, riechen, schmecken, denken, wahrnehmen, sprechen, fühlen, mich bewegen, lieben, hassen, streiten und Frieden machen, als schön oder häßlich, gut oder böse bewerten, kurzum mich verhalten wie ein beliebiger Einheimischer. (Göhring 1980, zit. nach Kelletat 2002: 12)

 

Nachdem er 1971 auf einen Lehrstuhl am FASK Germersheim berufen wurde, lehrte er Interkulturelle Kommunikation im Rahmen der Übersetzungs- und Dolmetschausbildung bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung 1999 (vgl. Kelletat 2002, 11-13). Göhrung war einer der Mitbegründer der neuen Disziplin Interkulturelle Kommunikation und widmete all seine Kräfte der Anwendung seines theoretischen Ansatzes auf die Praxis und die Didaktik des Dolmetschens. Daher hat er nicht viele Publikationen aufzuweisen. Einige seiner wichtigsten Beiträge, alle auf Deutsch, wurden von Andreas F. Kelletat und Holger Siever nach seinem Tod zusammengestellt (Göhrung 2002).

Justa Hölz-Mänttäri y su tesis pionera de 1984
Justa Hölz-Mänttäri und ihr grundlegendes Buch (1984)

 Justa Holz-Mänttäri (1936 in Hamburg geboren) studierte finnisch-ugrische Sprachen an der Universität Hamburg. Sie ging 1961 nach Finnland und arbeitete dort als Übersetzerin für Finnisch und Deutsch oder, in ihren eigenen Worten, als „Textdesignerin für Kunden, die als Sender oder Empfänger deutsche Texte auf der Basis finnischer Ausgangstexte bei mir bestellten“ (Holz-Mänttäri 2012: 78). Als sie ihren Chef davon überzeugte, dass die Verantwortung für die Designtexte, die sie für gegebene Zwecke verfasste, allein bei ihr liegen müsse, gab dieser ihr nicht mehr fertige Texte auf Finnisch, sondern nur ein paar Notizen mit dem, was sie den Kunden mitteilen sollte. Diese Erfahrung war der grundlegende Ansporn zu ihrer Doktorarbeit über die Theorie des translatorischen Handelns, die zusammen mit der Skopostheorie die Grundlage für den Funktionalismus bilden sollte.

Im Jahre 1972 schloss Holz-Mänttäri ihr Studium an der Universität Tampere (Finnland) mit einer Masterarbeit in Allgemeiner Literaturwissenschaft und Ästhetik ab. Da es damals keine habilitierten Translationswissenschaftler gab, erhielt sie eine Stelle als Assistenzprofessorin am Institut für Übersetzen und Dolmetschen, mit der Auflage, die zweite Arbeit, die für eine Promotion erforderlich war, binnen zwei Jahren abzuliefern. Für diese Arbeit wählte sie ein translationswissenschaftliches Thema. Durch ihre Teilnahme an einem Ausschuss für die Praxis und Didaktik des Übersetzens hatte sie Vermeer und seine Publikationen kennengelernt und festgestellt, dass sie beide sehr ähnliche Ansätze verfolgten. Daher lud sie Vermeer zur Verteidigung ihrer Arbeit ein, die dann unter dem Titel Theorie des translatorischen Handelns veröffentlicht wurde (Holz-Mänttäri 1984).  

Holz-Mänttäris Modell stützt sich auf die Handlungstheorie (vgl. z.B. von Wright 1968). Es umfasst alle Formen interkultureller Vermittlung, auch wenn sie nicht auf einem Ausgangs- oder Zieltext beruhen. Um Verwechslungen mit traditionellen Modellen zu vermeiden, schuf die Autorin eine neue Terminologie: anstatt von Texten spricht sie von Botschaftsträgern, um zu zeigen, dass ein Text auch nonverbale Kommunikationsmittel enthalten kann, und statt Übersetzung sagt sie translatorisches Handeln, um die Handlungsaspekte der interkulturellen Vermittlung, die Rollen der Handelnden (Initiator, Übersetzer/in, Nutzer, Botschaftsempfänger) und die Situation, in der sie handeln (Zeit, Ort, Medium) zu unterstreichen. Für sie sind Übersetzer/innen und Dolmetscher/innen Experten für die Herstellung von Botschaftsträgern, die für die inter- oder transkulturelle Kommunikation geeignet sind.

Translatorisches Handeln wird […] als Produktionsprozess eines Handelnden dargestellt mit der Funktion, Botschaftsträger einer näher zu bestimmenden Art zu produzi9eren, die in übergeordneten Handlungsgefügen zur Steuerung von aktionalen und kommunikativen Kooperationen eingesetzt werden können. (Holz-Mänttäri 1984: 17).

Holz-Mänttäri ging es besonders um den Status von Translatorinnen und Translatoren in einer globalisierten Welt und um ihre Ausbildung zu Experten. Mehrere ihrer Publikationen, einige mit Vermeer als Ko-Autor (z. B. Holz-Mänttäri & Vermeer 1985) handeln von neuen Ausbildungsprogrammen. Bis zu ihrer Pensionierung war Holz-Mänttäri Professorin für Translationswissenschaft an der Universität Tampere.

 

Die “zweite Generation“

Die ersten „Follower“ der Skopostheorie, die 1977 Vermeers Vorlesung in Germersheim erlebt hatten und sofort begannen, die Theorie für ihre Lehrtätigkeit nutzbar zu machen, waren Hans G. Hönig, Paul Kußmaul und Sigrid Kupsch-Losereit. Schon lange hatten sie nach einem theoretischen Rahmen für ihre praktischen Übersetzungsübungen gesucht. Hönig und Kußmaul waren die ersten, die ihre Anwendung der Skopostheorie in ihrem Buch Strategie der Übersetzung (1982) darlegten, einem sehr praktischen Lehrbuch für Studierende der Übersetzung Englisch-Deutsch.

Wir anderen (nicht-professoralen) Lehrenden dagegen waren begeistert, denn zum ersten Mal in den 15 Jahren meiner Lehrtätigkeit in Heidelberg gab es einen Austausch zwischen den Lehrenden der verschiedenen Sprachabteilungen. Wir hatten ja alle dieselben Fragen, etwa bezüglich der Auswahl von Unterrichtsmaterial, der Bewertung von Übersetzungsleistungen der Studierenden, der Gestaltung des Unterrichts oder der Methodik. Bald begannen mehrere aus dem Kreis, ihre neuen Lehrerfahrungen zu publizieren und eine funktionalistische Didaktik zu entwickeln (z.B. Kupsch-Losereit 1985; Kalina 1986; Nord 1986, 1987a, 1987b, 1988, [1988] 2012; Schmitt 1987, 1989; Ammann 1989, um nur einige zu nennen). Die von Vermeer und Holz-Mänttäri zwischen 1986 und 2001 herausgegebene Zeitschrift TextconText bot uns eine willkommene Möglichkeit, die funktionale Perspektive bekanntzumachen (zumindest in Deutschland und der deutschsprachigen Community).

 

Die Rezeption

Wie wir bereits gesehen haben, konnten Vermeers Professorenkollegen, die fest an die Äquivalenz als konstitutive Grundlage der Übersetzung glaubten, Vermeers Grundpostulat nichts abgewinnen, nach dem nicht der Ausgangstext (oder irgendeines seiner Elemente) die Übersetzungsmethode bestimmt, sondern der Zweck, den der Zieltext in der Zielkultur erfüllen soll, und dass die Sprache nicht der zentrale Wert ist, der im Zieltext reproduziert werden soll. Die Kritik war scharf: die Skopostheorie „überschreite die Grenzen der Übersetzung im engeren Sinn“, sie sei eine „Theorie der Adaptation“, „stütze sich nicht auf empirische Daten“, „könne nicht für die literarische Übersetzung gelten“ (vgl. Nord [1997] 2018: 135-153). Manche Kritiker stellten sogar die Grundlage der Theorie in Frage. Es sei nicht korrekt, dass alle Handlungen einen Zweck haben, es gebe auch Übersetzungen ohne einen Zweck, und der Funktionalismus produziere „gewinnsüchtige Experten“, die den Ausgangstext manipulieren, wie es der Kunde verlangt.

Wahrscheinlich sind diese Reaktionen darauf zurückzuführen, dass die Übersetzung in Deutschland seit jeher als Mittel der Philologie und des Fremdsprachenunterrichts benutzt wurde und dadurch ein sprach- und äquivalenzorientierter Begriff von Übersetzung entstanden ist. Philologen- und Linguisten werden sich an ihren Fremdsprachenunterricht erinnern, in dem eine Übersetzung „so treu wie möglich und so frei wie (aufgrund der unterschiedlichen Sprachstrukturen) nötig“ zu sein hatte. Mit solch einem Übersetzungsbegriff ist der Funktionalismus natürlich nicht vereinbar.

Die kritische Haltung der Theoretiker(innen) stand im Gegensatz zu der Begeisterung der Lehrenden und Studierenden an den Ausbildungsstätten und der professionellen Übersetzer und Übersetzerinnen (wenigstens derjenigen, die sich für die theoretischen und methodischen Grundlagen ihrer Tätigkeit interessierten). Für sie entsprach der Funktionalismus einfach dem gesunden Menschenverstand. Es ist ja eine allgemeine Erfahrung, dass Menschen ihre Art zu kommunizieren an die Situation und an ihre Gesprächspartner anpassen. Infolgedessen verbreitete sich der Funktionalismus rasch in den Kreisen der deutschsprachigen Lehrkräfte für Übersetzen und Dolmetschen und etwas später auch in der ganzen Welt. 

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[título del epígrafe] Grundprinzipien des Funktionalismus

Die folgenden Grundprinzipien bilden das Fundament des funktionalen Translationsbegriffs:

  • Funktionalitätsprinzip: Der Zweck des Translats bestimmt die Translationsmethode.
  • Loyalitätsprinzip: Die Akzeptabilität der Translationszwecke wird durch die Verantwortung des Translators, der Translatorin gegenüber den anderen am Translationsprozess beteiligten Personen begrenzt.
  • Der Translationszweck wird durch einen Translationsauftrag definiert, der (explizit oder implizit) die Gegebenheiten der kommunikativen Situation beschreibt, für die der Zieltext benötigt wird.
  • Der wichtigste Faktor der durch den Auftrag definierten Kommunikationssituation sind die Funktion bzw. die Funktionen, welche die kommunikativen Handlungen, aus denen sich der Zieltext zusammensetzt, erfüllen sollen.
  • Die Funktion oder Funktionalität ist keine Eigenschaft des Textes an sich, sondern wird dem Text im Akt der Rezeption zugeschrieben. Daher entscheiden die Rezipienten, ob (und wie) der Text (für sie, in ihrer Situation) „funktioniert“.
  • Ein Textproduzent (in diesem Fall: der Translator) ist bestrebt, den Text so zu verfassen, dass die Rezipienten die Funktionssignale erkennen und den Text in den gewünschten Funktionen rezipieren. Zu diesem Zweck benutzen sie sprachliche und außersprachliche „Funktionsmarker“, für deren korrekte Interpretation die Rezipientinnen den Marker-Code kennen müssen.
  • Die Funktion oder Funktionshierarchie, welche die Sprechakte des Zieltexts erfüllen (sollen) können sich von denen des Ausgangstext unterscheiden, sofern sie den Intentionen des Senders oder Autors (entsprechend den Konventionen der beteiligten Kulturen) nicht zuwiderlaufen. 

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[título del epígrafe] Der Funktionalismus in der Translationsdidaktik

Nach diesem Überblick über die Situation, in welcher der Funktionalismus entstand, und über einige der Protagonisten und frühen Verfechter(innen), können wir uns jetzt den Einzelheiten widmen. Wir müssen hier nicht die Skopostheorie darstellen, die ja ihren eigenen Eintrag in dieser Enzyklopädie hat. Aber wir müssen schon einen Blick auf das werfen, was die im vorigen Kapitel genannten Protagonisten dazu beigetragen haben. In einer gerade beginnenden Translationswissenschaft, in der zunächst die Äquivalenz das A und O der Übersetzung war und die Diskussionen über Äquivalente auf der Ebene der Lexik, der Syntax und des Stils die Szene beherrschten, bedeutete die Tatsache, dass Katharina Reiß, zweifellos unter dem Einfluss der neuen Tendenzen in der Linguistik der Zeit, vorschlug, den Text als Übersetzungseinheit zu betrachten, einen Paradigmenwechsel. 

 

Von der Äquivalenz zur Adäquatheit

Schon 1968 hatte Katharina Reiß einen kurzen Abriss ihrer übersetzungsorientierten Texttypologie in der Zeitschrift Linguistica Antverpiensia veröffentlicht, aber erst 1971 erschien eine ausführliche Darstellung ihres Modells der Übersetzungskritik, dessen Grundgedanke die Korrelation zwischen dem Texttyp, zu dem der Ausgangstext gehört, und der geeigneten Übersetzungsmethode sein soll, um zu gewährleisten, dass der Zieltext demselben Texttyp zuzurechnen ist. Es handelt sich also um eine Äquivalenz auf der Ebene des Texttyps. Der Äquivalenzbegriff war damals so akzeptiert, dass auch Katharina Reiß ihn nicht in Frage stellte und es auch nicht nötig fand, ihn in ihrem Buch zu definieren. In einer Fußnote stellt sie fest, dieser translationswissenschaftliche Kernbegriff bedeute, dass sowohl zwischen dem Ausgangstext und dem zielsprachlichen Text als auch auf der Ebene der verschiedenen Übersetzungseinheiten eine (kommunikative) „Gleich-Wertigkeit“ erzielt werden müsse (Reiß 1971: 11f.).

Katharina Reiß‘ Texttypologie stützte sich auf das von dem deutschen Psychologen Karl Bühler (1934) vorgeschlagene „Organonmodell der Sprache“ und bestand aus drei nach der dominanten Sprachfunktion klassifizierten Texttypen:

  • Inhaltsbetonte Texte (z. B. eine Zeitungsnachricht), in denen die Darstellungsfunktion der Sprache dominiert, d. h. Texte, in denen die Information das Wichtigste ist;
  • Formbetonte Texte (z. B. ein Roman oder ein Gedicht), in denen die Form die persönliche Haltung des Autors zum Thema oder Inhalt ausdrückt;
  • Appellbetonte Texte (z. B. Werbetexte oder politische Propaganda), in denen die appellative Funktion der Sprache dominiert, d. h. Texte, welche die Adressaten dazu bewegen sollen, in einer bestimmten Weise zu handeln.

In der ersten Version der Typologie gab es noch einen vierten Typ, und zwar die audiomedialen Texte (später: multimediale Texte, Reiß 1976), für deren Realisierung auditive oder visuelle Mittel benötigt werden, wie z. B. ein Theaterstück oder eine Oper. Dies ist eher ein transversaler Typ, da jeder der vorherigen Typen zu seiner Realisierung nonverbale Mittel einsetzen kann, die beim Übersetzen zu berücksichtigen sind. In einer späteren Publikation (Reiß 1976), in der es vor allem um die appellativen Texte ging, ersetzte Reiß ihre Terminologie durch die entsprechenden Latinismen informativ, expressiv und operativ, was eine Änderung der theoretischen Grundlage bedeutete oder zumindest so interpretiert wurde. Statt der Funktion der Sprache im Text, ging es jetzt um die Funktion des Texts, was andere Theoretiker mit dem Argument kritisierten, dass Texte mehr als die drei genannten Funktionen haben könnten. In Wirklichkeit aber hatte Reiß nicht ihre theoretische Grundlage verändert, sondern die neue Terminologie war eine Antwort auf die Kritik der Kollegen und entsprach den Normen und Konventionen der deutschsprachigen Wissenschaftsprosa, in der Latinismen für eine wissenschaftliche Terminologie als geeigneter betrachtet werden als deutsche Komposita.

Nach Reiß bestimmt der Texttyp die Übersetzungsmethode, weil es immer eine geeignete Methode gibt, um einen Zieltext herzustellen, der dem Ausgangstext in Funktion und Wirkung äquivalent ist. Das bedeutet:

  • Ein überwiegend darstellender oder informativer Text muss so übersetzt werden, dass der Inhalt korrekt und vollständig übertragen wird, wobei die sprachliche Form an die stilistischen Konventionen der Zielkultur anzupassen ist (= Invarianz des Inhalts).
  • Ein überwiegend expressiver Text muss so übersetzt werden, dass neben dem Inhalt auch die spezifischen stilistischen Charakteristika, in denen sich die Haltung des Autors ausdrückt, wiedergegeben werden (= Analogie der Form).
  • Ein überwiegend appellativer oder operativer Text muss so übersetzt werden, dass der Zieltext geeignet ist, für die Adressaten in der Zielkultur einen äquivalenten Effekt zu erzielen. Das kann Veränderungen der Form oder sogar des Inhalts erforderlich machen (= Identität der Wirkung).

Bis hierhin steht das Reiß‘sche Modell fest auf dem Boden eines Äquivalenzkonzepts, wenn auch auf der Ebene des Texttyps und nicht auf niedrigeren Ebenen wie Lexik oder Syntax. Dank ihrer Erfahrung als Übersetzerin wusste Katharina Reiß jedoch sehr gut, dass in manchen Fällen die Äquivalenz kein geeignetes Kriterium für eine Übersetzungskritik sein kann. Das gilt zum Beispiel, wenn der Zieltext an einer anderes Zielpublikum gerichtet ist als der Ausgangstext (etwa bei einer Übersetzung des Don Quijote für Kinder) oder andere Funktionen erfüllen soll (etwa bei einer Übersetzung eines Romans für die Bühne). In solchen Fällen, so Reiß, ist nicht mehr die Äquivalenz das geeignete Kriterium, sondern die Adäquatheit für den gewünschten Zweck. Das heißt, für Reiß ist die Äquivalenz der generelle Standard, der aber Ausnahmen zulässt, in denen sie durch die Adäquatheit ersetzt wird. Es dauerte bis 1984, als Reiß zusammen mit Vermeer die Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie veröffentlichte (Reiß & Vermeer 1984), in der sie ihr Modell in die Skopostheorie integrierte. In diesem Buch erklärt sie, dass die Äquivalenz auf der Ebene des Texttyps die Ausnahme von der allgemeinen Regel ist, die eine Adäquatheit des Zieltext für den gewünschten Zweck fordert.

 

Übersetzen als von einem Kunden initiierte Vermittlungshandlung

In meiner Studienzeit waren die an der Übersetzungshandlung beteiligten Personen zu keinem Zeitpunkt auch nur erwähnt worden. Für uns war Übersetzen ein rein sprachlicher Vorgang, und das Wichtigste war die Kenntnis der Regeln und Gesetzmäßigkeiten des Codewechsels. Je weniger der Übersetzer oder die Übersetzerin mit ihren persönlichen Präferenzen ins Spiel kamen, umso besser. Erst Justa Holz-Mänttäri erarbeitete auf Grund ihrer eigenen Erfahrung als professionelle Übersetzerin und gestützt auf die Handlungstheorie das ganze Panorama der an dieser Handlung beteiligten Personen, darunter der Initiator der Vermittlungshandlung (für den Übersetzer also der Kunde), die Übersetzerin oder Dolmetscherin, ein Typesetter, der für das Layout verantwortlich ist, der Benutzer des Zieltexts, etc. (Holz-Mänttäri 1983). Für Holz-Mänttäri war die Verbesserung des gesellschaftlichen Status des Übersetzers als Experten für interkulturelle Vermittlung das zentrale Anliegen. Für die Ausbildung bedeutet das, dass die mit dem Vermittlungsprozess verbundenen Aktionen in jeder Unterrichtsstunde „simuliert“ werden müssen.

 

Der Übersetzungsauftrag und der notwendige Differenzieerungsgrad

Eine solche Simulation der professionellen Praxis hat noch weitere Konsequenzen für die Didaktik. Wenn die Skopostheorie den Text als „Informationsangebot“ definiert, kann der Ausgangstext nicht mehr das einzige Kriterium sein, um die Qualität einer Übersetzung zu bestimmen. Der Blick von Übersetzern muss sich daher auf die Situation richten, in welcher der Zieltext verwendet werden soll, und das betrifft nicht nur Zeit und Ort der Rezeption, sondern auch das Medium und besonders das Zielpublikum. Da stellt sich die Frage: Woher weiß man, wozu und für wen man übersetzen soll?

Für die Beantwortung dieser Frage haben Hans G. Hönig und Paul Kußmaul in ihrem Buch (1982) das Konzept des Übersetzungsauftrags erarbeitet. Dieser definiert den Zweck des Zieltexts in seiner Rezeptionssituation und dient gleichzeitig als Leitlinie für die Bewertung des Produkts. In der Berufspraxis sind Übersetzungsaufträge selten sehr detailliert, sodass die Übersetzerin oder der Übersetzer sie erst einmal „interpretieren“ müssen, um die geeigneten Schlüsse daraus zu ziehen. In der Lehre sollten die Studierenden vom ersten Tage an sich an den Übersetzungsauftrag gewöhnen. Er kann am Anfang sehr detailliert sein und nach und nach allgemeiner werden wie in der Praxis.

Der Übersetzungsauftrag bestimmt auch den „notwendigen Differenzierungsgrad“ (Hönig & Kussmaul 1982: 58-64). In den meisten Kontexten ist es nicht erforderlich, sämtliche Bedeutungsaspekte eines Begriffs zu übertragen. Je nach Übersetzungsauftrag, aus dem sich ja auch der Adressatenkreis des Zieltexts ergibt,  kann es je nach Kontext adäquat sein, das deutsche Wort Abitur im Englischen entweder durch A-levels oder durch final exam of secondary education oder university entrance qualification oder auch durch die Entlehnung des deutschen Wortes zusammen mit einer detaillierten Erläuterung wie z. B.“diploma from German secondary school qualifying for university admission or matriculation corresponding to A levels in Great Britain“ wiederzugeben.

 

Kultur und Kulturspezifik

Die “kulturelle Wende“ wird häufig Bassnett & Lefevere (1990) zugeschrieben. Doch dank der Arbeiten von Heinz Göhring konnte bereits Vermeer 1987 den Begriff der Kultur und der Kulturspezifik in seine Skopostheorie integrieren:

[A culture is] the entire setting of norms and conventions an individual as a member of his society must know in order to be “like everybody” – or to be able to be different from everybody. (Vermeer 1987: 28)

Übersetzen bedeutet Kulturen zu vergleichen. In der heutigen globalisierten Welt ist es schwierig, allgemein von „einer“ Kultur zu sprechen. Daher schlägt Nord ([1997] 2018: 23-24) eine dynamischere Definition vor. Sie folgt dabei dem amerikanischen Anthropologen Michael Agar, der als „intercultural practitioner“ im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko arbeitete, und definiert die Kulturbarriere zwischen zwei Gruppen als Kette von „rich points“, nämlich den Situationen, die „reich an Konfliktpotenzial“ sind, weil die beiden Gruppen unterschiedliche Formen verbalen und nonverbalen Verhaltens bevorzugen (vgl. Agar 1991: 168).

Hasta los medios de transporte pueden ser culturemas, diferentes en forma y parecidos en función
Selbst die Nutzung von Transportmitteln kann „Kulturen“ darstellen, die sich in ihrer Form unterscheiden, aber in ihrer Funktion ähneln. (Ursprung: Eurostat).

Die spezifischen Verhaltensweisen, welche die „rich points“ verursachen, nennen wir Kultureme (Vermeer & Witte 1990: 135-143). Ein Kulturem ist ein kulturelles Phänomen in einer Kultur A, das die Mitglieder dieser Kultur als relevant ansehen und das im Vergleich zu einem analogen gesellschaftlichen Phänomen einer Kultur B für die Kultur A spezifisch ist. Solche Phänomene können unterschiedlich in der Form, aber gleich in der Funktion sein (z. B. mit dem Zug, mit dem Auto, mit dem Fahrrad fahren) oder umgekehrt (z. B. [to have] coffee morgens in England vs. [tomar un] café in Spanien nach dem Mittagessen vs. Kaffee [trinken] nachmittags, mit einem Stück Kuchen, in Deutschland). Die Kulturspezifik ist einer der wichtigsten Aspekte nicht nur für die Translationsdidaktik, sondern auch für die translationswissenschaftliche Forschung.

 

Funktionen in Texten und Übersetzungen. Eine funktionale Typologie

Seit Urzeiten stehen Übersetzerinnen und Übersetzer vor dem gleichen Dilemma: entweder sie produzieren ein getreues Abbild des Ausgangstexts, oder sie produzieren einen auf das Zielpublikum zugeschnittenen Text (z. B. Cicero, Hieronymus, Martin Luther, Friedrich Schleiermacher, Eugene A. Nida, Lawrence Venuti, um nur einige Autoren zu nennen, die ähnliche Dichotomien formuliert haben). Je nach historischem Kontext oder ihrer eigenen Erfahrung betrachteten sie meistens eine der beiden gegensätzlichen Strategien als die bessere oder einzig richtige Übersetzungsmethode. Über die Jahrhunderte betrachtet, scheint es eine Pendelbewegung zwischen den beiden Polen zu geben.

Der Funktionalismus macht diese Entscheidung überflüssig, weil jede Strategie, die zu einem funktionsgerechten Zieltext führt, der dem Übersetzungsauftrag entspricht, erlaubt ist. Für die Translationsdidaktik (und warum nicht auch für die Praxis?), schlägt Nord eine funktionale Translationstypologie vor, die auf einem Vier-Funktionen-Modell der Kommunikation beruht (Nord [1997] 2018: 45-50)

Im Gegensatz zu Reiß‘ Typologie (siehe oben) bezieht sich Nords Modell nicht auf Textfunktionen, sondern auf Funktionen-in-Texten, d. h. Funktionen von Sprechakten oder Textteilen, weil die meisten Texte mehrere oder vielleicht sogar alle dieser vier Grundfunktionen oder eine ihrer Unterfunktionen erzielen sollen:

  • Die phatische Funktion öffnet und schließt den Kommunikationskanal zwischen den Kommunikationspartnern und sorgt dafür, dass dieser so lange wie nötig offenbleibt (z.B. durch Grußformeln, Entschuldigungen, Pausenfüllern, metakommunikative Äußerungen etc.). Außerdem definiert und gestaltet sie die soziokommunikative Beziehung zwischen Sender und Empfänger (z. B. durch die Wahl bestimmter Anredeformen oder Ehrenbezeichnungen). Diese Funktion beruht auf verbalen und/oder nonverbalen Konventionen der phatischen Funktion.
  • Die referentielle Funktion verbindet das kommunikative Zeichen mit den Gegenständen und Phänomenen der Welt, seien sie real oder fiktiv, z. B. durch die Vermittlung von Informationen, Beschreibungen, Klassifikationen oder Instruktionen. Sie beruht auf dem gemeinsamen Wissen von Sender und Empfänger sowie einer adäquaten Balance zwischen „bekannter“ und „neuer“ Information (Thema und Rhema), d. h. zwischen der Information, die beim Empfänger als bekannt vorausgesetzt wird, sodass sie nicht verbalisiert zu werden braucht, und der als neu und für den Adressaten interessant erachteten Information, die daher explizit verbalisiert wird.
  • Die expressive Funktion bringt explizit oder implizit der Haltung des Senders in Bezug auf das Referenzobjekt zum Ausdruck, und zwar Bewertungen, Emotionen, Intentionen etc. Implizite Expressivität funktioniert nur bei einem gemeinsamen Wertesystem.
  • Die appellative Funktion soll die Adressaten dazu bewegen, in einer bestimmten Weise zu reagieren. Sie umfasst z. B. Forderungen, Befehle, Überredung sowie Anspielungen oder Zitate, die dem Empfänger einen bekannten Text oder sonst etwas Bekanntes, z. B. eine eigene Erfahrung, ins Gedächtnis rufen sollen.

Im Translationsprozess muss der Translator oder die Translatorin einschätzen, ob die Bedingungen für die einzelnen Funktionen in der Zielkultur gegeben sind. Wenn etwa die phatischen Konventionen in beiden Kulturen gleich sind, wird einfach die ausgangssprachliche Form umkodiert. Wenn das jedoch nicht der Fall ist, gibt es zwei Möglichkeiten, das Problem zu lösen: entweder wird das ausgangskulturelle Verhalten im Zieltext reproduziert bzw. „dokumentiert“, was aber vermutlich eine Erklärung in einem Paratext (einer Fußnote oder einem Glossar) erforderlich macht, oder es wird an die zielkulturellen Bedingungen angepasst, sodass der Zieltext als eine Art „Instrument“ in einer direkten Kommunikation zwischen Ausgangstextsender und Zieltextempfänger fungiert. Das bedeutet, die Übersetzerin muss sich, je nach dem Übersetzungsauftrag, zwischen einer dokumentarischen und einer instrumentellen Übersetzung entscheiden.  Dieselben Alternativen gelten für jede der vier Grundfunktionen und ihrer jeweiligen Unterfunktionen. Diese funktionale Dichotomie ist jedoch für Studierende, die einen Übersetzungsauftrag interpretieren müssen, noch nicht spezifisch genug. Daher kann jeder Übersetzungstyp noch in verschiedene Übersetzungsformen aufgegliedert werden:

Gulliver
Ein Wechsel des Adressatenkreises bedeutet Funktionsveränderung
  • Beim dokumentarischen Übersetzungstyp können wir folgende Übersetzungsformen unterscheiden: (1) die interlineare oder Wort-für-Wort-Übersetzung, bei der die Charakteristika des ausgangssprachlichen Systems genau reproduziert werden und die vor allem für Studienzwecke verwendet wird; (2) die wörtliche Übersetzung oder Grammar translation, bei welcher der Ausgangstext auf der Ebene der Lexik dokumentiert wird, während die grammatischen und syntaktischen Strukturen an die Normen der Zielsprache angepasst werden und die vor allem im Fremdsprachenunterricht zum Einsatz kommt; (3) die philologische Übersetzung, mit Fußnoten oder anderen Paratexten, die für Übersetzungen der römischen oder griechischen Klassiker oder für Übersetzungen aus weit entfernten Kulturen (z.B. eines chinesischen Romans ins Englische) verwendet wird; und (4) exotisierende Übersetzungen, in denen die Fremdheit der Ausgangskultur für das Zielpublikum in verständlicher Sprache dargestellt wird.
  • Beim instrumentellen Übersetzungstyp gibt es folgende Übersetzungsformen: (1) funktionskonstante Übersetzungen, die darauf ausgerichtet sind, in der Zielkultur die Funktionen zu erzielen, die der Ausgangstext in der Ausgangskultur erzielt hat oder noch erzielt; (2) funktionsvariierende Übersetzungen für die Fälle, in denen Ausgangstextampfänger und Zielempfänger in ihren jeweiligen Situationen so unterschiedlich sind, dass eine oder mehrere der vom Ausgangstext intendierten Funktionen für den Zieltext als solche oder in derselben Hierarchie nicht erzielt werden können (z. B. bei einer Übersetzung von Gulliver’s Travels für Kinder); und (3) korrespondierende Übersetzungen , zum Beispiel für die Übersetzung von Lyrik für eine zielkulturelle Anthologie, die einen Eindruck von den poetischen Charakteristika des Originals vermitteln soll.

Diese Typologie wird bereits in vielen Ländern im Übersetzungsunterricht verwendet.

 

Funktionale Bewertung in der Übersetzungsdidaktik

Bei der Bewertung studentischer Übersetzungen spielen oft ganz unterschiedliche Kriterien eine Rolle: Lehrende wollen wissen, ob die Studierenden den Ausgangstext „korrekt“ verstanden haben, ob dessen Bedeutung „adäquat“ in die Zielsprache übertragen wurde und ob die Wortwahl und Syntax des Zieltexts den Normen der Zielsprache entsprechen. Ein Übersetzungsfehler wird oft als „Abweichung von einem Regel- und Normsystem“ definiert, aber da es für das Übersetzen keine Regeln gibt, ist eine solche Definition nicht sinnvoll. Bei einem funktionalen Herangehen muss ein Übersetzungsfehler im Hinblick auf den Übersetzungszweck definieren, wie er im Übersetzungsauftrag vorgegeben ist. Die funktionale Perspektive auf die Bewertung studentischer Übersetzungsleistungen wurde zuerst von Sigrid Kupsch-Losereit (1985, 1986) eingeführt und dann von Hans Hönig (1987), Paul Kussmaul (1995) und Nord (1994) weiterentwickelt.

El concepto funcionalista de error en traducción se centra en la coherencia situacional

Der funktionalistische Fehlerbegriff konzentriert sich auf die situative Kohärenz

Kupsch-Losereit definiert einen Übersetzungsfehler als einen „Verstoß gegen 1. die Funktion des Translats, 2. die Kohärenz des Textes, 3. die Textsorte oder Textform, 4. sprachliche Konventionen und Bedingungen (1986: 16). Das bedeutet, dass eine Formulierung nicht als solche inadäquat ist, sondern nur im Hinblick auf die intendierte kommunikative Funktion. In manchen Fällen ist vielleicht eine Formulierung grammatikalisch inkorrekt und trotzdem eine adäquate Lösung in einem Text, in dem die inkorrekte Sprechweise einer Person imitiert werden soll. Die korrekte Wiedergabe einer falschen Behauptung kann dagegen eine inadäquate Übersetzung sein, wenn der Zieltext sachlich perfekt sein soll.

Nord (1994, ausführlicher in Nord [1997]2018: 70) korreliert Übersetzungsfehler mit ihrer Klassifizierung von Übersetzungsproblemen. Wenn ein Übersetzungsfehler als „Nicht-
Erfüllung einer Forderung des Übersetzungsauftrags“ definiert wird, also als eine inadäquate Lösung eines Übersetzungsproblems, dann können Übersetzungsfehler in vier Kategorien klassifiziert werden:

  • Pragmatische Fehler sind auf eine inadäquate Lösung oder Nicht-Lösung eines pragmatischen Übersetzungsproblems zurückzuführen, z. B. der Verweis auf ein ausgangskulturelles Kulturem, der eine Erläuterung verlangt hätte;
  • Kulturelle Fehler beruhen auf einer inadäquaten Entscheidung für oder gegen eine Anpassung einer kulturspezifischen Konvention an die Zielkultur, wie z. B. von Maßangaben im Ausgangstext;
  • Sprachliche Fehler kommen bei inadäquaten Übersetzungen in solchen Fällen vor, in denen der Fokus auf den Sprachstrukturen liegt, z.B. bei einem Neologismus, für den es in der Zielsprache noch kein Äquivalent gibt;
  • Spezifische Fehler hängen mit einem spezifischen Übersetzungsproblem zusammen, wie etwa einem Wortspiel oder einem autorspezifischen Stilmittel.

Nach Nord sind Verstöße gegen zielsprachliche Normen, die nicht durch den Übersetzungsauftrag gedeckt sind, keine Übersetzungsfehler im eigentlichen Sinn, weil sie auf einer unzureichenden Beherrschung der Zielsprache zurückzuführen sind. Daher werden sie in der Bewertung der Übersetzungskompetenz nicht berücksichtigt. Sie sollten aber natürlich markiert werden, damit die Studierenden ihre Sprachkompetenz verbessern können.

 

Funktion plus Loyalität

Im Rahmen der Skopostheorie gilt: „Der Zweck heiligt die Mittel“ (Reiß & Vermeer [1984]1991: 101). Das bedeutet, dass je nach Übersetzungsauftrag ein bestimmter Ausgangstext jede Art von Strategie, die zu einem zu rechtfertigenden Zweck führt, und damit fast unbegrenzte Manipulationen erlaubt. In der beruflichen Praxis interagieren Translatoren jedoch, wie Holz-Mänttäri uns gelehrt hat, mit verschiedenen anderen Personen, denen gegenüber sie eine ethische Verantwortung haben. Diese Verantwortung nennt Nord Loyalität (Nord [1997] 2018: 113-117). Loyalität ist eine zwischenmenschliche Kategorie, die das soziale Verhältnis zwischen den am Prozess der interkulturellen Vermittlung Beteiligten regelt. Loyalität darf man nicht mit „Texttreue“ oder „Fidelität“ verwechseln, denn dabei geht es um ein Verhältnis sprachlicher oder stilistischer Ähnlichkeit zwischen Texten

In einer vermittelten interkulturellen Handlung ist der Translator, die Translatorin die einzige Person, die mit beiden Kulturen und ihren Erwartungen und subjektiven Theorien vertraut ist, auch wenn diese sich widersprechen. Loyal zu sein bedeutet nicht, immer zu tun, was die anderen (z. B. Kunden oder Zieltextadressaten) erwarten, aber es bedeutet, dass man sein Tun begründen können muss. Loyalität beruht daher auf gegenseitigem Vertrauen zwischen den Beteiligten eines interkulturellen Interaktionsprozesses und kann das soziale Prestige der Translator(inn)en als verantwortlichen und vertrauenswürdigen Vermittlern stärken.

 

Transkreation als funktionale Übersetzung von Werbetexten

In der Berufspraxis ist “Transkreation“ neuerdings ein Schlagwort. Es bezieht sich auf einen Text, der nicht „einfach eine Übersetzung“ (also: eine Übersetzung, die auf dem Prinzip sprachlicher Äquivalenz beruht) ist, und wird vor allem von Profis, die im Bereich des Marketing und der Werbung arbeiten, verwendet. Die folgende Erläuterung in Wikipedia liest sich wie die Definition einer funktionalen Übersetzung von Werbetexten (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Transkreation, 02. 04 2026):

Bei der Transkreation wird eine Übertragung des Textes in den kulturellen Kontext des Empfängers angestrebt, so dass sich das Ergebnis im Gegensatz zu einer sich nah am Ursprungstext haltenden Übersetzung relativ weit vom Ursprungstext entfernen kann.

Daran sieht man, dass das Äquivalenzkonzept noch immer in den Konnotationen des Begriffs Übersetzung präsent ist und dadurch die Prägung eines neuen Terminus erforderlich gemacht hat, der etwas beschreibt, dass seit mindestens einem halben Jahrhundert die tägliche Arbeit vieler professioneller Übersetzer und Übersetzerinnen ist (und nicht nur solcher, die im Marketingbereich unterwegs sind). Es ist jedoch hervorzuheben, dass der Terminus Transkreation kein Äquivalent zu funktionaler Übersetzung im allgemeinen Sinne ist, sondern auf die funktionale Übersetzung für Marketingzwecke beschränkt bleibt. 

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[título del epígrafe] Neuere Entwicklungen

Adaptationsstudien

Auch Adaptationsstudien sind eine Disziplin, die auf einem funktionalistischen Ansatz beruht, zumindest im Hinblick auf die Adressatenorientierung. Adaptationsstudien kamen zuerst in den 1950er Jahren im Bereich der Literaturwissenschaft auf und bezogen sich anfangs auf die Adaptation von Romanen für den Film. Wir haben weiter oben gesehen, dass Katharina Reiß diesen Fall im Zusammenhang mit den Grenzen des Äquivalenzbegriffs erwähnt hat (Reiss [1971] 2000: 89ff.). Später wurden die Adaptationsstudien auf andere Bereiche ausgedehnt, und ab 2000 stellte man eine Verbindung zur Translationswissenschaft her (siehe z. B. Krebs 2013). Hier besteht auch ein enger Zusammenhang zur Transkreation.

 

Transferstudien

Auch die neue Disziplin der Transferstudien ist eine Erweiterung des Funktionalismus. Sie entstand in Deutschland und beschäftigt sich mit Wissenstransfer im weitesten Sinne (vgl. z.B. Göpferich 2007; Susanne Göpferich war eine Funktionalistin der „dritten Generation“). In den Transferstudien sind Adressatenorientierung und der Transferzweck aus dem Funktionalismus hervorgegangene Aspekte.

Es ist allerdings noch einmal mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass sich sowohl Adaptations- als auch Transferstudien vom translationswissenschaftlichen Funktionalismus in einem wichtigen Punkt unterscheiden: im Funktionalismus ist die Anpassung an die Bedingungen der Zielsituation nur eine von zwei möglichen Strategien. Die andere ist die Orientierung am Ausgangstext und seiner Kultur, wann immer der Übersetzungsauftrag das verlangt. Wenn vom Übersetzungsauftrag gefordert, ist eine interlineare Übersetzung genauso „funktionsgerecht“ wie eine exotisierende oder eine funktionskonstante Übersetzung. 

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 potencial para la investigación Forschungspotenzial

Wie weiter oben dargestellt, hatte der Funktionalismus eine enorme Wirkung auf die Translationsdidaktik, für die er ursprünglich konzipiert war. Aber er hat auch die translationswissenschaftliche Forschung bereichert. Aus Platzgründen nennen wir hier nur die Bereiche, in denen er besonders fruchtbar war. Weitere Einzelheiten siehe Nord [1997] 2018: 126-132.

Paralleltexte als Grundlage für Kulturvergleiche

Adressatenorientierung war von Anfang an einer der wichtigsten Aspekte des Funktionalismus. Eine Möglichkeit, die Erwartungen oder das Hintergrundwissen eines bestimmten Zielpublikums zu erforschen, besteht in der Analyse von Paralleltexten (nach unserer Definition: authentische Texte derselben Textsorte, die unabhängig voneinander in zwei verschiedenen Kulturen produziert wurden), deren Charakteristika die Erwartungen ihrer Benutzer formen. Schon 1978 veröffentlichte Paul Kußmaul einen Aufsatz über kommunikative Konventionen in akademischen Texten, in dem er englische und deutsche Paralleltexte verglich (Kußmaul 1978). Seitdem wurde diese Methode von vielen Forschenden angewandt, darunter auch Studierende der Übersetzungsausbildung, die in ihren Diplomarbeiten zahlreiche Textsorten und Äußerungen analysiert und verglichen haben, z. B. Göpferich 1995, 2007, Nord 2003, 2004b.

 

Funktionalismus in der literarischen Übersetzung

Kritiker haben oft bemängelt, dass der Funktionalismus zwar für die Übersetzung von Gebrauchstexten wie Bedienungsanleitungen gut funktioniert, aber nicht auf die literarische Übersetzung angewendet werden kann. Sie argumentieren, dass ein literarischer Text als Kunstwerk einen anderen Status hat und daher nicht funktional übersetzt werden kann, worunter sie die Anpassung an zielkulturelle Erwartungen verstehen. Abgesehen davon, dass dies ein Missverständnis ist, finden wir auch in übersetzter Literatur zahlreiche Beispiele für Adressatenorientierung (z.B. in Kinderbüchern oder bestimmten Sorten von Theaterstücken oder sogar in Shakespeare-Übersetzungen (dazu auch Kelletat 2011). Auf jeden Fall gibt es eine Menge Übersetzungsprobleme, für deren Lösung man ihre (mögliche, intendierte) Funktion in Betracht ziehen darf oder sogar muss, und zwar nicht nur auf der Textebene, wo man sich für einen Übersetzungstyp und eine Übersetzungsform entscheiden muss, sondern auch auf niedrigeren Ebenen wie der Lexik oder der Syntax, z.B. in Bezug auf die Reproduktion oder Anpassung von Eigennamen, die Übertragung von Kulturreferenzen oder die Wahl der Anredeformen zwischen fiktionalen Charakteren (vgl. Nord 2012).

Funktionalismus in der juristischen Übersetzung

Eine Zeitlang waren Kritiker auch der Meinung, dass der Funktionalismus nicht auf die juristische Übersetzung angewendet werden kann, obwohl Forschende die Unterscheidung zwischen dokumentarischer und instrumenteller Übersetzung bereits angewendet hatten (z. B. Prieto 2002, Calvo 2002). Inspiriert von Nords Zirkelschema des Übersetzungsprozesses (Nord [1991] 2005: 36-39), hat Prieto gezeigt, dass besonders in der vereidigten Übersetzung terminologische Entscheidungen von der Suche nach kommunikativer Adäquatheit in jeder Situation bestimmt werden. Er unterschied fünf Kategorien von Rechtstexten (Gesetzestexte, juristische Texte, andere öffentliche gesetzliche Regelungen oder Anwendungen, private Rechtstexte und rechtswissenschaftliche Texte) mit drei Hauptfunktionen (öffentliche oder private Rechtsbeziehungen zu regeln, gesetzliche Regelungen in verschiedenen Szenarien anzuwenden und juristisches Wissen über Rechtsquellen und Rechtsbeziehungen zu vermitteln) (Prieto 2014).

 

Funktionalismus in der Übersetzung religiöser Texte

Ein weiterer Bereich, in dem die Anwendung funktionaler Ansätze für unmöglich gehalten wurde, ist die Übersetzung religiöser Texte im Allgemeinen und biblischer Texte im Besonderen. Inzwischen wurde dieses Thema jedoch schon in verschiedenen Studien behandelt, wie etwa die von Nord 2002, 2005, Downie 2009 und Cheung 2011 zur Bibelübersetzung oder Guimarães (2009) über die Übersetzung der Bhagavad Gita. Wie in der literarischen Übersetzung müssen auch hier übersetzerische Entscheidungen sowohl auf der Textebene als auch auf niedrigeren Ebenen getroffen werden.

 

Der Arbeitsplatz des Übersetzers, der Übersetzerin

Eines der Verdienste der Skopostheorie war, dass Forschende sich für die Bedingungen der Berufspraxis zu interessieren begannen. Da der Arbeitsmarkt für interkulturelle Vermittlung immer globaler wird, ist dieser Bereich zu einem vielversprechenden Feld für die translationswissenschaftliche Forschung geworden. Verschiedene Forschende konzentrieren sich in ihrer Forschung auf die Arbeitsbedingungen von Translator(inn)en, wie z. B. Nisbeth-Brøgger (2017), die sich mit der Praxis der medizinischen Übersetzung beschäftigt hat oder Calvo, welche die Vermittelbarkeit von Absolventinnen und Absolventen der Übersetzungs- und Dolmetschausbildung in Spanien in den Blick genommen hat (Calvo & Morón 2010). 

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